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Voices in Transition #1 | Lebohang Liepollo Pheko

From Growth to Grounding: A Wellbeing Economics Agenda

Die Erstveröffentlichung auf Englisch erfolgte am 01. September 2025

Dr. Lebohang Liepollo Pheko (Tradecollective, Johannesburg) kritisiert den BIP-Zentrismus der globalen Entwicklungspolitik. Sie stellt sich der Frage, wie eine echte Wohlstandsökonomie aussehen könnte und die Entwicklungspolitik dekolonialisiert werden kann. Zur englischsprachigen Originalfassung des Artikels geht es hier.

„Vom Wachstum zur Verwurzelung: Eine Agenda der Wohlstandsökonomie“

Zusammenfassung: Dieser Beitrag stellt das Bruttoinlandsprodukt (BIP) als Maß für Fortschritt infrage und schlägt die Wohlstandsökonomie als eine plurale, korrektive und verhältnismäßige Alternative vor, die in indigenen und „Mehrheitswelt“-Wissenssystemen verankert ist. Er kritisiert die extraktiven und geschlechterblinden Vermächtnisse der Entwicklung, indem er gelebte Alternativen in Afrika, Asien und Lateinamerika hervorhebt, die Fürsorge, Würde und ökologisches Gleichgewicht in den Mittelpunkt stellen. Der Beitrag fordert eine Dekolonisierung der Entwicklungspolitik durch partizipatives Design, Datensouveränität und generationenübergreifende Gerechtigkeit – und stellt Entwicklung nicht als Intervention, sondern als kollektive Befreiung dar.

Biografie der Autorin

Dr. Lebohang Liepollo Pheko ist Politökonomin, Wissenschaftlerin, Aktivistin und hat über 30 Jahre Erfahrung in der Etablierung internationaler Bewegungen in 52 Ländern. Als Senior Research Fellow am Trade Collective arbeitet sie an der Schnittstelle von feministischer, Rassen- und dekolonialer Gerechtigkeit, mit Expertise in Reparationen, Handelsgerechtigkeit und Wohlstandsökonomie.

Das Problem neu bewerten

Seit Jahrzehnten wird das Bruttoinlandsprodukt (BIP), ein in den 1930er Jahren entwickeltes Maß, als Hauptindikator für Wirtschaftswachstum verwendet. Doch diese Messung ignoriert die zugrunde liegenden kolonialen Vermächtnisse des Wachstums selbst. Entwicklungspolitik hat häufig ungleiche Machtverhältnisse verfestigt, indem sie extraktive, einseitig ausgerichtete Hilfsmodelle bevorzugte und dabei die vielfältigen, lokalen und relationalen Wissenssysteme vernachlässigte, die das Wohlbefinden in der „Mehrheitswelt“ stützen. (Rodney, 1972; Ndlovu-Gatsheni, 2013; Escobar, 1995). Entwicklungsorganisationen verwenden Worte wie „Partnerschaft“, arbeiten jedoch oft weiterhin in Hierarchien von oben herab, die die betroffenen Gemeinschaften zu passiven Empfängern machen. Zudem wird Entwicklung vor allem durch wirtschaftlichen Aufschwung anstatt durch multidimensionale Indikatoren für Fortschritt charakterisiert.

Der Begriff „Mehrheitswelt“ bezeichnet Länder und Gemeinschaften, die die große Mehrheit der Weltbevölkerung ausmachen, aber in der globalen Entscheidungsfindung marginalisiert sind. Dazu gehören Nationen in Afrika, Asien, Lateinamerika und indigene Territorien weltweit. Im Gegensatz dazu bezeichnet „Minderheitswelt“ die wirtschaftlich und politisch dominanten Länder – vor allem in Nordamerika und Westeuropa – die trotz ihres zahlenmäßig geringen Anteils an der Menschheit unverhältnismäßige Macht innehaben. Diese Begrifflichkeiten verändern das Narrativ weg von Hierarchien wie „entwickelt“ und „entwickelnd“ und stellen dadurch die Annahme infrage, dass Reichtum oder Macht mit Allgemeingültigkeit gleichzusetzen sind.

Das BIP-zentrierte Entwicklungsmodell hat eine Menge Ungerechtigkeiten hervorgebracht: die Unsichtbarmachung von sozialer Reproduktion, die Zerstörung von Ökosystemen, die Vertreibung von Gemeinschaften und das Bevorzugen von kurzfristigen Profiten statt generationenübergreifender Würde. Es ist an der Zeit, Entwicklung auf einer gerechteren, pluralistischeren und reparativen Logik neu auszurichten – einer Logik, die den ganzheitlichen Bedürfnissen der Menschen und des Planeten entspricht.

Kritik an der zeitgenössischen Entwicklungspolitik

Zeitgenössische Entwicklungsstrategien stellen häufig (die Errichtung von) Infrastruktur über soziale Reproduktion, Wirtschaftswachstum über Renaturierung/Erholung der Umwelt und Outputs (dt. physische Produktion) über menschliche Würde. Wie Nancy Fraser (2016) betont, haben kapitalistische Entwicklungsmodelle geschichtlich Marktausweitung und finanzielle Infrastruktur priorisiert – anstatt von Fürsorge und sozialer Reproduktion. Gleichzeitig warnt auch UNRISD (2016), dass eine übermäßige Fixierung auf quantifizierbare Ergebnisse von tiefgreifenden strukturellen Transformationen ablenkt, die auf Gerechtigkeit und Würde basieren sollten. Vandana Shiva (2005) kritisiert ebenfalls die dominanten Wirtschaftsmodelle, da sie Fortschritt und Expansion über die Gesundheit der Umwelt stellen.

Ein wichtiges Merkmal dieser Modelle ist ihre Abhängigkeit von extraktiven Industrien zur Erhöhung des BIP – oft auf Kosten von menschlichem Wohlergehen und ökologischer Nachhaltigkeit. Alberto Acosta (2013) betont, dass Neo-Extraktivismus koloniale Prozesse der Ressourcenausbeutung fortsetzt, Ungleichheit verfestigt und ökologische Systeme zerstört. Auch die OECD (2021) weist darauf hin, dass die gegenwärtige Form der Ressourcennutzung auf lange Sicht für die Umwelt nicht tragbar ist. Patrick Bond (2014) kritisiert die Abhängigkeit Südafrikas Post-Apartheid von Bergbau und anderen extraktiven Industrien und sieht darin eine Gefährdung sowohl der Menschenrechte als auch des Wohlergehens der Umwelt.

Ein weiterer problematischer Aspekt ist die geschlechterblinde oder sogar feindliche Natur der dominanten Wirtschaftsmodelle, die unbezahlte Sorgearbeit systematisch unterbewerten. Feministische Ökonominnen wie Diane Elson (1998) und Valeria Esquivel (2013) zeigen seit Langem, dass unbezahlte Pflegearbeit – größtenteils von Frauen geleistet – für das Funktionieren der Wirtschaft essenziell ist, jedoch in der Politik und in nationalen Rechensystemen nicht berücksichtigt wird. Marilyn Waring (1988) hat in ihrer bahnbrechenden Arbeit „If Women Counted“ (dt. “wenn Frauen zählen würden”) aufgezeigt, wie BIP-zentrierte Modelle die unbezahlte Arbeit von Frauen ausblenden und damit das ökonomische Verständnis und die politische Agenda verzerren.

Zuletzt nutzen viele globale Politiken uniforme Vorlagen, die lokale Kulturen, Kontexte und Regierungsstrukturen ignorieren. Arturo Escobar (1995) kritisiert Entwicklungsinstitutionen für ihre Unterstützung westlich-zentrierter Paradigmen, die indigene Wissenssysteme marginalisieren. James Ferguson (1994) erläutert in seiner Analyse von Lesotho, wie technokratische Entwicklungsprojekte lokale Realitäten entpolitisieren und verzerren. Die African Feminist Charter (2006) wiederholt diese Kritik in ihrer Forderung nach Regierungsansätzen, die lokal verankert, feministisch und kulturell relevant sind. Mahmood Mamdani (1996) bezieht die Position, dass diese (uniformen) Vorlagen koloniale Strukturen verfestigen, indem sie indigene Systeme durch externe Bürokratien ersetzen.

Diese Praktiken verstärken koloniale Paradigmen im Bezug auf Wissen und Handeln und lassen kaum Raum für relationale, reparative oder transformative Ansätze. Dieser Artikel baut auf die vorangegangene Forschung und wissenschaftliche Arbeit von Pheko (2024) auf, die reparative Entwicklung als politisches und ökonomisches Erfordernis positioniert, um globale Macht neu zu balancieren.

Wohlstandsökonomie: Indigen, global, notwendig

Die Wohlstandsökonomie bietet eine vielschichtige Perspektive, die über die Vermehrung materiellen Reichtums hinausgeht (Stiglitz, Sen & Fitoussi, 2009). Sie erforscht die Bedingungen, die für menschliche Entfaltung notwendig sind: Gesundheit, Bildung, Kultur, Autonomie, Geschlechtergerechtigkeit, ökologisches Gleichgewicht und sinnstiftende Arbeit. Wohlbefinden ist für den Globalen Süden kein unbekanntes Konzept; es war stets Teil indigener Kosmologien und Regierungssystemen (Durie, 1998; Pihama et al., 2019). Es ist in Ubuntu im südlichen Afrika, Gadaa in Äthiopien, Adat in Indonesien und Buen Vivir in Lateinamerika verankert. Dieser Artikel versteht Wohlstandsökonomie nicht als kurzlebigen Policy-Trend, sondern als grundlegenden indigenen Rahmen.

Beispiele für wohlstandsorientierte Politik in der „Mehrheitswelt“

Mehrere Länder in Afrika und Asien überdenken und verändern ihr Konzept von Entwicklung.

Südafrika ergänzt Einkommensindikatoren durch den multidimensionalen Armutsindex. Kenia erprobt einen „Gross Country Happiness Index“ (dt. “Bruttonationalglück”). Ruanda hat Imihigo-Leistungsvereinbarungen für lokale Wohlbefindensziele eingeführt. Das Gadaa-System in Äthiopien ist immer noch ein gemeinschaftsbasiertes, generationenübergreifendes Modell für Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit. In Nigeria hat gendersensibles Planen einen positiven Einfluss auf die Erfassung von Daten. In Simbabwe, Botswana und Tansania berücksichtigt die Entwicklungsplanung den gesundheitlichen Zustand der Umwelt und stellt sicher, dass jede:r sich beteiligen kann. Bewegungen für Ernährungssouveränität in Nordafrika wehren sich gegen agrarindustrielle Modelle und unterstützen lokale agrarökologische Expertise.

In Asien finden sich dieselben Widerstände: Das Kerala-Modell in Indien zeigt, dass viel Geld keine unbedingte Voraussetzung ist, das Leben von Menschen zu verbessern. Thailands „Sufficiency Economy“ (dt. Suffizienz-Ökonomie), Indonesiens Adat-basierte Regierung und Timor-Lestes‘ kulturelle Friedensbildung illustrieren unterschiedliche Wohlstandsparadigmen. Māori-Ansätze in Aotearoa stellen tūrangawaewae und kulturell-spirituelle Gesundheit ins Zentrum der Politik.

Die Kosten des BIP-Zentrismus

Die Dominanz des BIP hat viele Gemeinschaften, die von Entwicklungspolitik eigentlich profitieren sollen, benachteiligt. Es bleibt das wichtigste Kriterium, um die Chance auf Entwicklungshilfe, internationale Handelsverhandlungen und Klimafinanzierung zu erhalten. Der Fokus auf Wachstum hat vermögende Personen gestärkt, Landenteignungen ermöglicht und Umweltzerstörung beschleunigt. In Ghana hat der Bergbau zwar das BIP gesteigert, gleichzeitig aber das Wasser verschmutzt und Bauern vertrieben (Oxfam Ghana, 2021). In den Philippinen und Bangladesch haben exportorientierte Ansätze die Ernährungssicherheit verschlechtert und das Risiko für Arbeiter:innen ausgebeutet zu werden erhöht. (FAO, 2020; ILO, 2021).

Diese Beispiele zeigen: Wirtschaftliche Entwicklung ist nicht automatisch mit gerechter Umverteilung gleichzusetzen. Entwicklungspolitik muss auf gelebte Erfahrungen, historische Ungerechtigkeiten und ökologische Grenzen reagieren. Wohlstandsökonomie liefert den Rahmen hierfür.

Entwicklungspolitik durch Wohlstandsökonomie verändern

Wir müssen Entwicklungspolitik umformen – von technokratischen Vorlagen zu relationalen, partizipativen und restaurativen Ansätzen. Um der Wohlstandsökonomie gerecht zu werden, sollte Entwicklungspolitik:

  • Anstatt des BIPs multiple, kontextspezifische Indikatoren für Wohlbefinden verwenden, wie Gesundheit, Würde, Kultur, Sicherheit, Geschlechtergerechtigkeit und ökologisches Gleichgewicht.
  • Partizipatives Design im System verankern und lokalen Gemeinschaften, feministischen Ökonom:innen und indigener Führung die Macht geben, an der Entwicklungplanung mitzuwirken. 
  • In Datensouveränität investieren, damit Gemeinschaften eigene Ziele setzen und ihre Erfolge selbst messen können.

Den „Wissenden“ herausfordern: Dekoloniale und feministische Ansätze

Die vorherrschende Entwicklungspolitik reproduziert eine koloniale Epistemologie, die den Westen als Wissensquelle und den Globalen Süden als Nutznießer positioniert. Dieses Machtungleichgewicht entwertet lokales Wissen und verstärkt Abhängigkeit. Dekoloniale feministische Theorie stellt dies infrage und betont, dass Wissen und Fürsorge vielfältig, verkörpert und interdependent sind (Lugones, 2008; 2010).

Deswegen darf Entwicklung nicht als Intervention verstanden werden; es muss ein Prozess gegenseitigen Wandels und Machttransfers sein. Aufbauend auf Swanson (2012) schlagen wir eine „bescheidene Gemeinsamkeit“ vor, in der Politik sich nicht auf die Reparatur Anderer fokussiert, sondern stattdessen Mechanismen schafft, die Würde und Balance in Beziehungen wiederherzustellen.

Fazit: Entwicklung als Befreiung

Wohlstandsökonomie definiert Wachstum als Freiheit (Sen, 1999), verankert in historischer Wiedergutmachung, ökologischer Verantwortung und gemeinschaftlich definierter Entfaltung. Sie fordert politische Entscheidungsträger:innen – insbesondere in Europa – auf, über das BIP hinauszuwachsen und Solidarität zu praktizieren. Dies ist nicht nur eine moralische Pflicht, sondern auch eine strategische.

Um die „Mehrheitswelt“ zu unterstützen, muss Entwicklungspolitik gemeinsames Gestalten, multiple Wissenssysteme, feministische Ethiken und ökologische Gerechtigkeit beinhalten. Alles, was unterhalb dieser Schwelle liegt, riskiert, die Schäden zu verstärken, die behoben werden sollen. Für europäische Entscheidungsträger:innen ist die Wohlstandsökonomie anzunehmen nicht bloß eine Reform, sondern eine historische Verantwortung. Angesichts der fortdauernden Folgen von Kolonialismus, Sklaverei und globalen Machtungleichheiten ist es notwendig, von BIP-zentriertem Wachstum zu gerechtigkeitszentrierter, gemeinsam gestalteter Entwicklung überzugehen. Diese Neuausrichtung signalisiert Europas Engagement für ökologische Verantwortung, reparative Solidarität und echte Kooperation bei der Gestaltung einer Post-Wachstums-Zukunft mit der „Mehrheitswelt“ (Kothari et al., 2019).

Literaturverzeichnis

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