Voices in Transition #2 | Eduardo Gudynas
Hindering or enabling alternatives? From short to long transitions
Die englischsprachige Erstveröffentlichung erfolgte am 06. Oktober 2025, zur Originalfassung des Artikels geht es hier.
„Von kurzen zu langen Transformationen: zwischen Wandel und Blockade?“
Zusammenfassung:
Die Bezeichnung „Transition“ (dt. Transformation – wird im folgenden mit Transformation übersetzt) wird oft in einer Art verwendet, die suggeriert, dass es positive Alternativen gibt. Dies resultiert in einer Anzahl Probleme, Spannungen und Widersprüchen. Streng genommen sollte das Konzept der Transformation immer mit einer gegenwärtig als negativ bewerteten Situation und einem gewünschten zukünftigen Ziel, das eine Verbesserung dieser Situation darstellt, verbunden sein. Transformation beschreibt den Weg von einer aktuellen Situation zu einer erwünschten oder präferierten Zukunftssituation. Nichtsdestotrotz gibt es eine große Anzahl von als “Transformation” deklarierter Projekten, denen es an diesen Bestandteilen fehlt; Der Begriff “Transformation” wird zum Selbstzweck. Um die Diversität aktueller Transformationsvorschläge zu diskutieren, müssen wir zuerst zwischen kurzfristigen und langfristigen Transformationen unterscheiden. Erstere sind Anpassungen oder Reformen innerhalb der westlichen Vorstellung von Entwicklungspolitik, zu denen Regierungsvorschläge wie der EU Green Deal und seine Ambitionen einer “Just Transition” (dt. gerechter Transformation von einer klimaschädlichen zu einer klimafreundlichen Gesellschaft, Anm. d Üb.) gehören. Kurzfristige Transformationsprojekte im Globalen Norden haben starke Auswirkungen auf den Globalen Süden, indem sie die Suche nach und das Testen von eigenen Alternativen limitieren. Besonders die Energiewende im Globalen Norden ist eine kurzfristige Transformation, die in thematischen Verzerrungen resultiert und somit einerseits Länder des Globalen Südens in ernste Probleme versetzt, wie eine Zunahme des Extraktivismus, und andererseits langfristige Transformationen in anderen Sektoren behindert. Die aktuelle soziale und ökologische Krise ist so schwerwiegend, dass sie langfristigen Wandel erfordert.
Biografie des Autors
Eduardo Gudynas ist ein leitender Forscher am Lateinamerika-Zentrum für soziale Ökologie (CLAES) und am Dokumentations- und Informationszentrum Bolivien (CEDIB). Er war die erste lateinamerikanische Person im Vorsitz des Arne Naess Lehrstuhls für soziale und Umweltgerechtigkeit an der Universität Oslo. Er war in den letzten drei Jahrzehnten an verschiedenen zivilgesellschaftlichen Organisationen in Lateinamerika beteiligt, die sich mit Umwelt- und Entwicklungskonflikten befassen.
In den letzten Jahren haben sich sogenannte “Transformationen” vermehrt, vor allem mit Fokus auf Abschwächung der Folgen des Klimawandels, im Speziellen im Energiesektor. Ein Beispiel, dass diese Perspektive hervorhebt, ist der EU “Just Transition”-Mechanismus , der sowohl neue Regulierungen und Finanzierungsmöglichkeiten als auch neue Bedingungen für den internationalen Handel beinhaltet.
Die Idee der “Transformation” wurde ziemlich populär, und trotz vieler verschiedener Bedeutungen des Begriffs wird die Bezeichnung von Politiker:innen, Akademiker:innen, Gewerkschaften und auch Bürgergruppen verwendet. Manchmal bezieht der Begriff sich auf spezifische Ziele wie Elektrifizierung, in anderen Fällen wird er benutzt, um allumfassende und ambitioniertere Unternehmungen zu beschreiben, wie z.B. sozial-ökologische Transformationen. Diese grundlegenden Unterschiede gehen verloren, wenn das gleiche Wort, Transformation, verwendet wird.
Die Heterogenität in der Wahrnehmung des Wortes “Transformation” sollte analysiert werden; ansonsten werden wichtige Widersprüche und Einschränkungen übersehen. Manche Vorschläge für eine Unterscheidung spiegeln eine “kurze” Transformation wider, die lediglich Reformen aktueller Entwicklungsstrategien mit sich bringt, während andere sich “lange” Transformationen ambitioniertere Zielen vornehmen. Diese Unterscheidungen haben politische Auswirkungen, denn viele Transformationen, die aus dem Globalen Norden angestoßen werden, verstehen sich als kurz und blockieren oder verhindern lange Transformationen im Süden.
DAS KONZEPT DER TRANSFORMATIONEN
Das Wort “Transition” (dt. Transformation) im Englischen und Spanischen bedeutet, sich von einem Zustand zum anderen zu bewegen, was sich auf die lateinische Bedeutung des Wortes – bewegen – bezieht. Transformationen können schnell, aber nicht plötzlich stattfinden; sie unterscheiden sich in dieser Hinsicht z.B. von Revolutionen.
Oftmals wird diese Eigenschaft nicht bedacht. Es handelt sich dabei um eine Eigenschaft, die nicht isoliert betrachtet werden kann, da sich sich immer auf zwei Bedingungen bezieht. Erstens, eine Diagnose der aktuellen Situation, die normalerweise als negativ, ungerecht oder unaushaltbar betrachtet wird, und die es zu überwinden gilt. Zweitens, Alternativen werden mit dem Zweck, die aktuelle Situation, die in Ideen, Empfindsamkeiten und Zielen ausgedrückt wird, zu lösen, vorgebracht. “Transition” bezieht sich auf die Reise von einer Situation zur anderen. Aufgrund dessen beziehen sich die Ideen und Handlungen, die eine Transformation ausmachen, auf ihren Startpunkt und das gewünschte Resultat.
TRANSFORMATIONEN MIT UNKLAREN ZIELEN
Sobald die strenge Definition des Konzepts klar wird, tritt häufig die Problematik auf, dass viele Transformationen zum Selbstzweck stattfinden. Die zu erreichenden Ziele werden weder angemessen definiert, noch werden die aktuellen Bedingungen genügend beleuchtet. Diese ernstzunehmende Einschränkung wird oft nicht näher betrachtet, zieht aber schwere Folgen nach sich.
Klare Beispiele sind viele Vorschläge für Energie- und Klimatransformationen, die in industrialisierten Ländern stattfinden. Sie fokussieren sich auf Elektromobilität oder die Ausweitung von elektrischer Energiegewinnung als Hauptziel. Diese Veränderungen in den Energiequellen werden zum Selbstzweck, während der Endverbrauch der Elektrizität, die Auswirkungen seiner Gewinnung, die Verwendung und die Auswirkungen dieser Veränderungen auf andere Länder werden nicht ausreichend betrachtet (ein aktuelles Beispiel ist der Leitfaden für die G20 der OECD, 2024). Weiterführend werden diese Vorschläge, obwohl sie für industrialisierte Länder konzipiert sind zu globalen Programmen die auch von anderen Regionen befolgt werden sollen (Beispiele sind hier die Transformationsvorschläge für Afrika, Sokona et al., 2023 oder Lateinamerika, Alfonso et al., 2023).
TRANSFORMATIONEN INNERHALB DER ENTWICKLUNGSPOLITIK
Je nach Ziel, das entweder explizit oder implizit formuliert sein kann, können verschiedene Transformationsvorschläge indentifiziert werden (nach Gudynas, 2024). Ein Teil sind Transformationen, die Reformen oder Anpassungen innerhalb einer vielfältigen Entwicklungspolitk darstellen. Diese beinhalten technologische oder führungsbezogene Veränderungen, wie z.B. die Ausweitung von solaren oder Windenergiequellen oder neue Regulierungen des privaten Sektors, aber beschäftigen sich nicht mit anderen Komponenten des Herstellungsprozesses. Beispiele für diese Art von Transformationen sind der Vorschlag Fahrzeuge mit Verbrennermotor mit elektrischen zu ersetzen – allerdings ohne die Rolle des privaten Fahrzeugs, seines ökologischen Fußabdrucks oder seiner Effekte auf urbane Umgebungen zu berücksichtigen.
Ein zweiter Teil der Transformationsvorschläge bezieht sich auf Maßnahmen die ambitioniertere Ziele darstellen, wie die Umstellung von einer Art der Entwicklung zu einer anderen. Dieser Teil beinhaltet Transformationen, die neoliberale Entwicklungsstile ablehnen und eine Vielfalt anderer Ansätze mit verstärkter Regierungsintervention vorschlagen. Beispiele für diese Positionen sind verschiedene sozialdemokratische Plattformen, der progressive Kapitalismus von Joseph Stiglitz (2019), die Pläne von Mariana Mazzucato den Kapitalismus zu retten (2022) und der Aufruf des World Economic Forum in Davos den Kapitalismus zu “resetten” (dt. zurückzusetzen). Diese Positionen argumentieren, dass konservative Entwicklungsstile weitreichende soziale und ökologische Einflüsse haben, die durch Anpassungen nicht gelöst werden können. Sie schlagen deswegen Reformen in anderen Bereichen vor, wie die Stärkung des Staats, allerdings nach wie vor basierend auf den Bedingungen des Wirtschaftswachstums.
Da diese beiden Transformationstypen innerhalb der aktuellen Vorstellung von Entwicklung bestehen, werden sie als kurzfristige Transformationen bezeichnet. Die Ziele dieser Transformationen werden innerhalb des westlichen Verständnisses von Entwicklung als ‘Fortschritt’ verstanden – von Wirtschaftswachstum angetrieben, das die Aneignung natürlicher Ressourcen benötigt und in Märkten betrieben, in denen die Allokation von Kapitalflüssen und Eigentum bestimmt wird. Auch wenn sie als gerechte Transformation bezeichnet werden, korrespondieren die Pläne der Europäischen Union mit einer kurzfristigen Transformation – der European Green Deal rahmt sie mit Zielen wie Net-Zero Emissionen ein, während Wirtschaftswachstum sichergestellt wird. Das ist nicht neu, weil viele bekannte Entwicklungsmaßnahmen über die letzten Jahre genau die gleichen Einschränkungen aufzeigen. Das ist der Fall der nachhaltigen, endogenen, integralen und menschlichen westlichen Interpretationen von Entwicklung.
TRANSFORMATIONEN ÜBER ENTWICKLUNG HINAUS
Eine dritte Art der Transformationsvorschläge beginnt mit einer anderen Diagnose und hat deswegen größere Ambitionen. Sie stellen die konzeptuellen und ideologischen Grundlagen der Entwicklung in allen ihren Formen in Frage und verstehen sie als eine der Wurzeln der sozialen und ökologischen Krise. Damit gehen sie über westliche Ideen von Entwicklung hinaus. Das resultiert in langen Transformationen.
Unter Anwendung dieser Perspektive verändert sich die Herangehensweise an die Klimakrise, da sie voraussetzt, nicht nur über die Emissionen durch die Energienutzung zu sprechen, sondern auch über andere Sektoren und die Art, in der produktive Prozesse organisiert und durchgeführt werden. Dieser Ansatz erfordert auch, über die Idee des Wirtschaftswachstums hinauszugehen (allerdings anders als beim Konzept des „Degrowth“, wie es in Europa verstanden wird). Es integriert auch andere Dimensionen, wie Politik und Kultur.
Es gibt einige Beispiele langer Transformationen. Ein Fall, der heraussticht, ist die Aussetzung der Ölförderung im Amazonas nach der Anerkennung der intrinsischen Werte der Umwelt. Westliches Wissen und Vorstellungen der westlichen Welt von Entwicklung schreiben nur dem Menschen einen intrinsischen Wert zu, und machen diesen somit zum Subjekt. Die Natur ist eine Anzahl von Objekten. Diese Perspektive fragmentiert die Natur zu Objekten, die entweder nützlich sind oder für den Menschen ökonomischen Wert haben und ignoriert alle anderen. Im Gegensatz dazu beziehen sich Rechte der Natur auf die Anerkennung des intrinsischen Werts im Nicht-Menschlichen, unabhängig von der Nützlichkeit aus menschlicher Perspektive. Im Fall des Amazonas, erlegen diese Rechte ein Mandat auf, den Regenwald und seine Biodiversität unabhängig von Profit zu schützen. So wurde die Ölförderung dort unmöglich. Aus diesem Beispiel geht hervor, dass lange Transformationen sich auf eine alternative Werttheorie stützen. Diese und andere Komponenten sind Teil der Andeanischen-Amazonischen Idee des Buen Vivir (siehe Gudynas, 2011)

Lange Transformationen erinnern an die traditionelle Verwendung der Bezeichnung. In einem Großteil des 20ten Jahrhunderts wurde der Begriff “Transformation” auf ambitionierten und breiten politischen, sozialen und ökonomischen Wandel bezogen. Von den 1960ern bis in die 1980er breiteten sich Debatten über eine Transformation hin zum Sozialismus in Westeuropa und dem globalen Süden aus. Ab den frühen 1990ern wurde der Begriff in Osteuropa mit entgegengesetzter Bedeutung gebraucht: eine Transformation vom Staatssozialismus hin zu demokratischer Öffnung und Marktwirtschaften. Zur gleichen Zeit wurde das Wort gebraucht, um die Demokratisierung nach Diktaturherrschaft (z.B in Spanien und Portugal und auch im globalen Süden) zu beschreiben. In allen beschriebenen Fällen bezog sich die Bezeichnung auf Transformationen, die die gesamte Gesellschaft betrafen. Aus diesem Blickwinkel ergibt es nicht viel Sinn den Wandel in einem spezifischen Sektor (z.B. Energiesektor) als Transformation zu bezeichnen, da soziale und Transformationen der Umwelt innerhalb der Gesellschaft nicht Teil davon sind.
IMPLIKATIONEN, EINFLÜSSE, VERZERRUNGEN UND WIDERSPRÜCHE
Wie ersichtlich wird, unterscheiden sich kurze und lange Transformationen deutlich, da sie auf unterschiedliche Diagnosen und Ambitionen zur Veränderung reagieren. Kurze Transformationen stellen Entwicklungsideen – und somit auch die des Kapitalismus – nicht in Frage und sind oft von den Ergebnissen abgekoppelt.
Aus der Perspektive des globalen Nordens ist ein Beispiel für solche kurze Transformation die Förderung von Elektroautos mit Lithiumbatterien, eines der Hauptziele des EU-Green Deals – ohne ausreichend zu diskutieren, ob es akzeptabel ist, trotz dessen ökologischer und sozialer Auswirkungen, am Konzept des Individualverkehrs festzuhalten. Dem globalen Süden wiederum wird die Umstellung der Stromquellen, wie die Förderung von Solar-, Wind- oder Wasserkraft (als „erneuerbar“ bezeichnet), ebenfalls als Transformation präsentiert (siehe Campanini 2025 für diese und weitere Beispiele). Diese Transformation verlagert jedoch in erster Linie wirtschaftliche Aktivitäten hinein in Sektoren mit erheblichen Umweltfolgen, wie etwa in den Bergbau. In Chile beispielsweise werden große Solar- und Windkraftprojekte umgesetzt, während der Bergbau – der Sektor mit dem höchsten Stromverbrauch (34 % des gesamten Landes) – unangetastet bleibt. Der Endenergieverbrauch sollte stattdessen angesprochen werden, was jedoch innerhalb kurzer Transformationen nicht geschieht.
Durch das Vermeiden radikaler Kritik an Entwicklungsideen werden kurze Transformationen von einer breiten Interessengruppe akzeptiert und gewinnen so an Popularität. Diese Transformationen können leicht mit Labels wie „nachhaltiger Bergbau“, „grün“ oder „ethisches Lithium“ koexistieren und damit funktional für herkömmliche Entwicklungskonzepte werden. Gleichzeitig machen sie Optionen, die grundlegende Konzepte wie Eigentum, Kapital und Markt infrage stellen – typisch für lange Transformationen – inakzeptabel oder nicht durchführbar.
Kurze Transformationen werden durch andere Kanäle weiter verstärkt. Obwohl einige spezifisch für industrialisierte Länder sind, werden sie nicht als etwa „europäische Transformationen“ beschrieben, sondern als globale. Der Globale Norden hat so unverhältnismäßig großen Einfluss darauf, was als global gilt und was nicht. Indem diese Transitionen als planetarisch präsentiert werden, verschaffen sie sich auch in Ländern und Gesellschaften des Südens Legitimität.
Diese „globalen“ Transformationen werden zudem über politische und handelspolitische Kanäle durchgesetzt oder gefördert. Beispielsweise hat der Just Transition Mechanism der EU starke Auswirkungen innerhalb Europas, aber auch international, durch die Handels- und Investitionspolitik (insbesondere gegenüber Ländern mit Freihandelsabkommen oder laufenden Verhandlungen wie dem MERCOSUR). Darüber hinaus setzen zahlreiche Akteure im Globalen Norden – Unternehmer, Gewerkschaften, Universitäten, Stiftungen und NGOs – ihre eigenen Versionen von Transformationen um und beeinflussen so die entsprechenden Konzepte bei ihren Partnern im Globalen Süden.
Diese Wege erzeugen verschiedene Formen von Zumutungen, Einflüssen und Einschränkungen im Globalen Süden, die sowohl die Politik als auch die Zivilgesellschaft betreffen und unterschiedliche Folgen haben.
In einigen Fällen kommt es zu thematischen Verzerrungen. Ein Beispiel sind Energietransformationen im Globalen Süden, die darauf abzielen, CO₂-Emissionen aus dem Energiesektor zu reduzieren. Das ist nicht an sich falsch, aber einige dieser Konzepte ähneln jenen der industrialisierten Länder, in denen der Energiesektor den größten Anteil an den Emissionen hat. In den meisten Ländern des Globalen Südens hingegen sind Entwaldung, Landnutzungsänderungen und Landwirtschaft die Hauptquellen von Treibhausgasemissionen; die wichtigsten ausgestoßenen Gase sind CO₂ und Methan. In Ländern wie Kolumbien und Peru stammen mehr als die Hälfte der gesamten Treibhausgase aus ländlichen Gebieten, und in Brasilien übersteigen sie jene des Energiesektors. Daher sind Energietransformationen, wie sie für industrialisierte Länder typisch sind und allein auf den Energiesektor fokussieren, für Entwicklungsländer unzureichend. Um den Klimawandel in diesen Ländern anzugehen, müssten Agrar- und Forstpolitiken verändert werden, um Alternativen in Eigentumsverhältnissen und landwirtschaftlicher Produktion zu fördern.
Kurze Transitionen können lange Transformationen blockieren. Vorschläge zur Elektromobilität in industrialisierten Ländern erfordern Lithiumbatterien, was den Bergbau in südamerikanischen Ländern wie Chile, Argentinien und Bolivien verstärkt. Diese Bergbauaktivitäten haben vielfältige soziale und ökologische Auswirkungen, die dadurch auch weiter verstärkt werden. Somit wirken kurze und lange Transformationen in entgegengesetzte Richtungen, da lange Transformationen den Ausstieg aus dem Extraktivismus anstreben. Das Thema wird in der Region seit Ende der 2000er Jahre diskutiert, wird jedoch in aktuellen Debatten im politischen und akademischen Umfeld des Nordens weitgehend ignoriert. Dadurch verhindert die kurze Energietransformation im Norden eine lange Transformation im Globalen Süden.
Es gibt Transformationen, die in gegensätzliche Richtungen verlaufen. Lange Transformationen zielen darauf ab, Umweltqualität und eine Landwirtschaft zu gewährleisten, die gesunde Lebensmittel produziert. Kurze Transformationen hingegen, die große Erweiterungen der Stromproduktion durch umfangreiche Solarprojekte fördern, führen zum Verlust von Agrarflächen, was es unmöglich macht, die Ziele langer Transformationen zu erreichen – wie im Fall von Chile.
ANDERE ALTERNATIVEN SIND ERFORDERLICH
Kritische Entwicklungsforschung zeigt, dass die aktuelle Polykrise Alternativen erfordert, die mehrere Bereiche gleichzeitig ansprechen und soziale sowie ökologische Fragen einbeziehen, da diese eng miteinander verknüpft sind. Darüber hinaus müssen sie die grundlegenden Ideen, Sensibilitäten und Praktiken erreichen, die den Entwicklungsbegriff tragen. Traditionelle westliche Alternativen versagen in vielen Fällen oder führen nur zu temporären Verbesserungen, die schließlich zu einer weiteren Verschlechterung der sozialen und ökologischen Lage beitragen. Es ist Zeit für Optionen, die über die Vorstellungen von Entwicklung hinausgehen. Dieses Ziel impliziert Transformationen, die plural, nicht universal, und in den ökologischen, historischen und sozialen Kontexten jeder Region verankert sind.
LITERATURVERZEICHNIS
Alfonso, M. et al. 2023. Hacia una transición justa en América Latina y el Caribe. Resumen de Políticas IDB-PB-00383, BID (Banco Interamericano de Desarrollo), Washington.
Campanini, O. (ed) 2025. El rol de China en la extracción de litio en América Latina. Cochabamba: La Libre.
Gudynas, E. 2024. Transiciones: cortas o largas, reformistas o transformadoras, ajenas o propias. Informe Global, Observatorio de la Globalización, 1: 1-12.
Gudynas, E. 2011. Buen Vivir: today’s tomorrow. Development 54 (4): 441-447.
Mazzucato, M. 2022. Mission economy. A moonshot guide to changing capitalism. London: Penguin.
Nachrichtenpool Lateinamerika, n.d. Extraktivismus, NPLA-Lexikon, https://www.npla.de/lexikon/extraktivismus/, accessed 02/19/2026
OECD. 2024. The role of the G20 in promoting green and just transitions. OECD, ILO, UNIDO and United Nations.
Sokona et al. 2023. Just Transition: A Climate, Energy and Development Vision for Africa. Independent Expert Group on Just Transition and Development.
Stiglitz, J.E. 2019. People, power, and profits. Progressive capitalism for an age of discontents. New York: W.W. Norton.