Elementor Button Highlight

Voices in Transition #3 | Jenni Raji Jayan

Green Trade or Green Protectionism? The EU CBAM and Odisha’s Steel Industry in India’s Low-Carbon Transition

Die englischsprachige Erstveröffentlichung erfolgte am 03. November 2025, zur Originalfassung des Artikels geht es hier

Grüner Handel oder grüner Protektionismus? Der EU-CBAM und Odishas Stahlindustrie im Kontext von Indiens kohlenstoffarmer Transformation

Zusammenfassung:

Der CO₂-Grenzausgleichsmechanismus der EU — Carbon Border Adjustment Mechanism (CBAM) — soll die Verlagerung von emissionsintensiven Industrien in Länder außerhalb der EU eindämmen und Anreize für eine klimafreundliche Produktion liefern, indem er faire Wettbewerbsbedingungen zwischen heimischen und importierten Produkten herstellt. Seine Auswirkungen auf Länder des Globalen Südens, wie Indien, sind jedoch ethisch und geopolitisch umstritten. Am Beispiel der Stahlindustrie im indischen Bundesstaat Odisha zeigt dieser Beitrag, dass der CBAM zwar Anreize für kohlenstoffärmere Produktionsweisen setzen kann, zugleich aber gravierende Defizite bei Technologietransfer, Klimafinanzierung und regionaler Anpassungsfähigkeit bestehende Nord-Süd-Ungleichheiten vertiefen können. Der Beitrag plädiert für eine stärkere internationale Kooperation auf Grundlage gleichberechtigter Austauschbeziehungen, kontextspezifischer globaler Politiken und eines solidarischen Technologietransfers in den Globalen Süden, um eine inklusive und gerechte globale sozial-ökologische Transformation hin zu ermöglichen.

Biografie der Autorin

Jenni Raji Jayan ist eine indische Nachwuchswissenschaftlerin und studiert derzeit im Masterstudiengang Global Political Economy and Development an der Universität Kassel. Zuletzt absolvierte sie ein Praktikum im UN Climate Change Secretariat (UNFCCC) in Bonn. Sie verfügt über einen Masterabschluss in Politikwissenschaften und Internationalen Beziehungen der Pondicherry University sowie einen Bachelorabschluss in Internationalen Beziehungen der Central University of Kerala, Indien. Zuvor war sie für verschiedene staatliche und wissenschaftliche Institutionen in Indien tätig, darunter das Foreign Policy Research Centre.

Zu ihren aktuellen Forschungsinteressen zählen globale Klimagovernance, grüne industrielle Transformationen sowie die politische Ökonomie kohlenstoffarmer Entwicklungswege im Globalen Süden.

EINLEITUNG

Der Carbon Border Adjustment Mechanism (CBAM) wurde im Juli 2021 im Rahmen des Klimapakets „Fit for 55“ erstmals vorgeschlagen (Marcu et al. o. J.) und am 16. Mai 2023 mit der Verordnung (EU) 2023/956 formell vom EU Parlament verabschiedet. Die Verordnung trat am 17. Mai 2023 in Kraft und leitete eine schrittweise Übergangsphase ein. Der CBAM ist darauf ausgelegt, auf importierte Güter CO₂-Kosten zu erheben, die jenen entsprechen, welche Produzent:innen innerhalb der EU im Rahmen des Europäischen Emissionshandelssystems — EU ETS — entrichten müssten. Auf diese Weise soll sogenanntes „Carbon Leakage“ verhindert werden, also die Verlagerung emissionsintensiver Industrien in Länder mit weniger strengen Umwelt- und Klimaschutzauflagen.

Der Mechanismus umfasst derzeit fünf besonders kohlenstoffintensive Sektoren: Zement, Aluminium, Düngemittel, Elektrizität/Wasserstoff sowie Eisen und Stahl. Eine Ausweitung auf weitere Sektoren ist vorgesehen. Parallel dazu hat die EU-Indien-Partnerschaft für saubere Energie und Klimaschutz den bilateralen Dialog zu grünem Wasserstoff, Kohlenstoffmärkten und industrieller Dekarbonisierung intensiviert. Gemeinsame Arbeitsgruppen untersuchen die handels- und technologiepolitischen Implikationen des CBAM und suchen nach Konvergenzpunkten zwischen den regulatorischen Ambitionen der EU und den entwicklungspolitischen Prioritäten Indiens. Diese Kooperation könnte maßgeblich prägen, wie Länder des Globalen Südens künftig mit globalen CO₂-Grenzausgleichssystemen interagieren.

Indien ist der zweitgrößte Stahlproduzent der Welt, und seine Stahlexporte in die Europäische Union sind in besonderem Maße von den Auswirkungen des CBAM betroffen. Innerhalb Indiens nimmt Odisha eine zentrale Rolle ein: Aufgrund reicher Mineralvorkommen, einer ausgebauten Stahlproduktionsinfrastruktur und eines wachsenden Potenzials für erneuerbare Energien ist der Bundesstaat ein bedeutendes industrielles Zentrum. Odisha trägt nahezu 25% zur gesamten indischen Stahlproduktion bei und beherbergt große Unternehmen wie Tata Steel, Jindal Steel and Power und JSW Steel (Goldar et al. 2024). Diese Industrien sind tief in lokale Ökonomien, ökologische Zusammenhänge und regionale Energiesysteme eingebettet.

Odishas herausragende Bedeutung im indischen Stahlsektor macht den Bundesstaat zu einem relevanten Fallbeispiel für die Untersuchung möglicher CBAM-Auswirkungen. Denn der Mechanismus wirft nicht nur ökonomische Fragen auf, sondern auch grundlegende Fragen der Klimagerechtigkeit: Inwiefern sind Regionen im Globalen Süden unter extern auferlegtem regulatorischem Druck überhaupt in der Lage, auf kohlenstoffarme Produktionsweisen umzustellen (Bhatia 2025; Perdana und Vielle 2022)?

ODISHAS STRUKTURELLE EMISSIONSLÜCKE IM ANGESICHT DES CBAM

Die Einführung des EU-CBAM auf importierten Stahl dürfte rund 27% der indischen Stahlexporte in die Europäische Union betreffen — Lieferungen, die überwiegend aus Odisha stammen (Sen 2023). Die Stahlproduzent:innen in Odisha sind stark auf kohlebasierte Hochofenprozesse angewiesen und stehen vor erheblichen strukturellen und finanziellen Hürden bei der Umstellung auf emissionsärmere, wasserstoffbasierte Direktreduktionsverfahren — Direct Reduced Iron, DRI.

Während die EU den CBAM als Instrument zur Beschleunigung globaler Dekarbonisierung präsentiert, berücksichtigt der politische Rahmen nur unzureichend jene Emissionsunterschiede und Entwicklungshemmnisse, die Länder wie Indien strukturell einschränken. Europäische Stahlfirmen konnten über Jahrzehnte hinweg von öffentlichen Subventionen, CO₂-Bepreisungsmechanismen und institutioneller Unterstützung profitieren, die es ihnen ermöglichten, Klimakosten schrittweise zu internalisieren. Indische Firmen hingegen — insbesondere in Bundesstaaten wie Odisha — agieren unter Bedingungen von Energiearmut, begrenztem Zugang zu bezahlbarer Klimafinanzierung und unzureichender technologischer Unterstützung für die Produktion von grünem Stahl.

In der Folge läuft der CBAM Gefahr, weniger als Instrument gerechter Dekarbonisierung zu wirken, sondern vielmehr als Form grünen Protektionismus: Länder des Globalen Südens werden faktisch für strukturelle Zwänge bestraft, die außerhalb ihrer unmittelbaren Kontrolle liegen (Kathuria, Gupta und Kumar 2025).

Diese Ungleichheit wird durch das inhärent unilaterale Design des CBAM weiter verschärft. Der Mechanismus bietet nur begrenzten Raum für bilaterale Verhandlungen oder lokale Flexibilität bei seiner Umsetzung. Die Verwendung standardisierter Berechnungen eingebetteter Emissionen führt dazu, dass Exporteure aus Ländern des Globalen Südens mit hochkomplexen Compliance-Anforderungen sowie zusätzlichen administrativen und finanziellen Belastungen konfrontiert werden (Perdana und Vielle 2022).

Für Odishas Stahlproduzent:innen gehen diese Verpflichtungen weit über einfache Berichtspflichten hinaus. Sie erfordern kostspielige Emissionsverifizierungen, umfangreiche Dokumentationen entlang der Lieferketten und oftmals die Offenlegung sensibler industrieller Informationen gegenüber EU-Regulierungsbehörden. Dadurch entstehen nicht nur finanzielle Kosten, sondern auch Risiken im Hinblick auf Geschäftsgeheimnisse und Wettbewerbsfähigkeit (Sen 2023).

Besonders stark betroffen sind kleinere Stahlunternehmen und verwandte Industrien in Odisha, etwa Eisenschwamm- und Ferrolegierungshersteller. Aufgrund begrenzter Kapazitäten und fehlender digitaler Monitoring-Infrastrukturen stehen sie vor erheblichen Schwierigkeiten, die regulatorischen Anforderungen des CBAM zu erfüllen. Das Fehlen einer nationalen CO₂-Bepreisungspolitik in Indien vertieft die Wettbewerbsnachteile zusätzlich, da EU-Unternehmen von ausgereiften Kohlenstoffmärkten und staatlich unterstützten Dekarbonisierungsanreizen profitieren. Diese politische Asymmetrie verwandelt den CBAM faktisch in eine Handelsbarriere und verschärft bestehende industrielle Ungleichgewichte zwischen Globalem Norden und Globalem Süden.

KLIMAPOLITIK UND DAS PRINZIP GETEILTER, ABER DIFFERENZIERTER VERANTWORTLICHKEITEN

Die ökonomischen Implikationen des CBAM offenbaren tiefgreifende strukturelle Ungleichgewichte in der globalen Klimapolitik. Der Mechanismus belebt alte Debatten um das Prinzip der „geteilten, aber differenzierten Verantwortlichkeiten“ — Common but Differentiated Responsibilities, CBDR — neu. Dieses Prinzip bildet einen zentralen Pfeiler der Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen — United Nations Framework Convention on Climate Change, UNFCCC. Es erkennt an, dass zwar alle Länder eine gemeinsame Verantwortung für die Bekämpfung der Klimakrise tragen, ihre jeweiligen Verpflichtungen jedoch nach historischen Emissionen, Entwicklungspfaden und Handlungskapazitäten differenziert werden müssen.

Die EU betont eine CO₂-Bepreisung häufig als zentrales Instrument globaler Dekarbonisierung. Dabei werden jedoch differenzierte Fähigkeiten, Erwartungen und klimabezogene Bedürfnisse vielfach ausgeblendet — also jene spezifischen Verpflichtungen, Minderungsziele und Umsetzungskapazitäten, denen einzelne Länder im Rahmen internationaler Klimainstrumente unterliegen. Der CBAM greift damit in eine alte Konfliktlinie des CBDR-Prinzips ein, das weiterhin im Zentrum des UNFCCC-Regimes steht.

Während die Europäische Union homogene CO₂-Bepreisung als Weg zur Erreichung gemeinsamer Klimaziele versteht, droht dieser Ansatz, die unterschiedlichen Kapazitäten und Entwicklungsgrade verschiedener Länder zu übergehen. Dadurch werden bestehende Ungleichheiten in der Fähigkeit, Klimaverpflichtungen einzuhalten, verdeckt statt politisch adressiert (Perdana und Vielle 2022).

Odishas Stahlindustrie verkörpert diese Spannung besonders deutlich. Sie ist nicht nur einer der größten industriellen Emittenten der Region, sondern zugleich eine zentrale Grundlage regionaler Lebensverhältnisse. Sie stützt tausende Arbeitsplätze in Bergbau, Transport und verarbeitender Industrie. Eine verfrühte, unzureichend abgefederte Transformation hin zu grüner Energie birgt daher erhebliche Risiken: soziale Konflikte, Arbeitsplatzverluste und wachsende regionale Ungleichheiten (Goldar et al. 2024).

Hinzu kommt, dass die materielle Grundlage für eine solche Transformation bislang nur unzureichend entwickelt ist. Kritische Infrastrukturen für die Produktion von grünem Stahl — etwa Lieferketten für grünen Wasserstoff, die Einspeisung erneuerbarer Energien in stabile Stromnetze und effiziente Hochofentechnologien — sind in Odisha noch nicht ausreichend vorhanden (CEEW 2025). Die vom CBAM imaginierte „grüne industrielle Transformation“ steht daher in deutlichem Widerspruch zu den alltäglichen Realitäten und institutionellen Begrenzungen vieler Ökonomien des Globalen Südens.

ODISHAS TRANSFORMATIONSGRENZEN UND LÜCKEN DER NATIONALEN POLITIK

Obwohl die indische Regierung auf multilateralen Plattformen wie der Welthandelsorganisation  und der G20 wiederholt Bedenken gegenüber dem CBAM geäußert hat, bleibt die innenpolitische Koordination fragmentiert. Indiens Nationale Wasserstoffmission von 2021 sowie langfristige Fahrpläne zur Dekarbonisierung der Stahlindustrie sind primär nationale Projekte. Sie wurden bislang jedoch nicht ausreichend auf die Ebene der Bundesstaaten übertragen, um Regionen wie Odisha wirksam gegen CBAM-Schocks abzufedern (Arif 2025).

Odisha hat begonnen, die Entwicklung grüner Industriecluster zu prüfen und seine Solarressourcen stärker zu erschließen. Dennoch bremsen systemische Engpässe den Fortschritt weiterhin aus: politische Unsicherheit, hohe Kapitalkosten, unzureichende Netz-Infrastruktur und schwache institutionelle Umsetzungskapazitäten.

Darüber hinaus findet die Transformation unter fiskalischen Engpässen und asymmetrischer Kapazitätsentwicklung statt. Odishas Stahlwertschöpfungskette — insbesondere kleine und mittlere Unternehmen in der Eisenschwamm- und Ferrolegierungsproduktion — verfügt weder über ausreichende technologische Reife noch über genügend finanzielle Resilienz, um die komplexen Berichts- und CO₂-Bilanzierungspflichten des CBAM zu erfüllen. Ohne gezielte finanzielle und technologische Unterstützung drohen solche Unternehmen aus globalen Wertschöpfungsketten ausgeschlossen zu werden. Das Ergebnis wäre dann kein grünes Upgrading, sondern Deindustrialisierung.

„KLIMA-ZAUN“? ZUGANG ZU TECHNOLOGIE UND GERECHTIGKEIT IN DER TRANSFORMATION

Das Beispiel Odisha zeigt, dass die Darstellung des CBAM als globale Klimalösung  kritisch geprüft werden muss. Anstatt ein Instrument echter Klimakooperation zu sein, könnte sich der Mechanismus als eine Art „Klima-Zaun“ erweisen: als regulatorische Waffe, die Märkte des Nordens schützt, während sie Produzent:innen des Südens erschwerende Bedingungen auferlegt.

Diese marktbasierte Lösung, die Emissionen über CO₂-Bepreisung und handelspolitisch verknüpfte Mechanismen steuern soll, mag auf dem Papier plausibel erscheinen. In der Praxis jedoch kann sie als faktische Handelsbarriere wirken. Indem der CBAM die internen CO₂-Preise der EU auf importierte Produkte überträgt, ohne Entwicklungsasymmetrien angemessen zu berücksichtigen, erzeugt er ungleiche ökonomische Belastungen. Diese widersprechen den ethischen Grundlagen globaler Klimagerechtigkeit ebenso wie dem Prinzip der “geteilten aber differenzierten Verantwortlichkeiten” (CBDR) internationaler Klimaverträge.

Versprechen des Technologietransfers in internationalen Verträgen werden bislang nicht eingelöst, und die Zusagen der EU im Bereich der Klimafinanzierung bleiben hinter den von Ländern des Globalen Südens geltend gemachten Bedarfen zurück. Auch geistige Eigentumsrechte erschweren den Zugang zu zentralen grünen Technologien und reproduzieren damit bestehende Wissens- und Kapazitätslücken (Singh 2025).

So entsteht ein Ungleichgewicht, in dem Länder wie Indien die Kosten der Transformation tragen sollen, ohne substantiell an der Gestaltung ihrer Regeln beteiligt zu sein. Der CBAM droht dadurch neokoloniale Dynamiken zu reproduzieren: Er erzwingt oder verordnet eine Dekarbonisierung, verweigert aber zugleich jene Mittel, durch die eine solche Transformation unter ausgewogenen und gerechten Bedingungen überhaupt möglich wäre.

CBAM NEU BEWERTEN: EMPFEHLUNGEN FÜR EINE KOOPERATIVE KLIMAWENDE

Der CBAM könnte gerechter ausgestaltet werden, wenn er in eine umfassende Agenda internationaler Klimakooperation eingebettet würde, die die Bedürfnisse und Potenziale des Globalen Südens ernsthaft berücksichtigt. Beispiele dafür wären:

Differenzierte Zölle oder Ausnahmen: Die EU sollte solche Regelungen nicht nur für die am wenigsten entwickelten Länder — Least Developed Countries, LDCs — vorsehen, sondern auch für strukturell benachteiligte und emissionsintensive Transformationsregionen wie Odisha, die mit kumulativen Entwicklungsherausforderungen konfrontiert sind.

Umverteilung von Einnahmen: Einnahmen aus dem CBAM sollten transparent genutzt werden, um die Einführung grüner Technologien und den Aufbau institutioneller Kapazitäten in betroffenen Exportländern zu unterstützen.

Bilaterale Partnerschaften: Foren wie die EU-Indien-Partnerschaft für saubere Energie und Klima sollten über konsultative Gespräche hinausgehen und zu proaktiven Katalysatoren für grüne Investitionen werden. Finanzmittel sollten gezielt in Pilotprojekte zur Dekarbonisierung der Stahlindustrie, Cluster für grünen Wasserstoff sowie öffentlich-private Forschungs- und Entwicklungsprojekte fließen, die an Odishas Ressourcen und industrielle Struktur angepasst sind.

Politisches Handeln auf nationaler Ebene in Indien: Indien sollte die Schaffung eines Kohlenstoffmarktes beschleunigen, der mit internationalen Standards kompatibel ist, zugleich aber nationale Entwicklungsprioritäten berücksichtigt. Dabei braucht es Flexibilitäten, gezielte Subventionen und Schutzmechanismen für kleine und mittlere Unternehmen entlang regionaler Stahl- und Industriewertschöpfungsketten.

Subnationale bzw. bundesstaatliche Maßnahmen in Odisha: Odisha benötigt spezifische Transformationsbudgets, größere institutionelle Autonomie und Zugang zu multilateraler Klimafinanzierung, um Pläne für eine gerechte Transformation umsetzen zu können.

Neukalibrierung des CBAM zugunsten sozialer Gerechtigkeit: Der CBAM sollte stärker darauf ausgerichtet werden, Umschulungs- und Weiterbildungsprogramme für Beschäftigte zu unterstützen. Der Fokus sollte auf dezentralem Zugang zu sauberer Energie liegen, ohne Prozesse der Enteignung, Verdrängung oder Marginalisierung lokaler Gemeinschaften zu verschärfen.

FAZIT: VON GRÜNEM PROTEKTIONISMUS ZU GRÜNER SOLIDARITÄT

Solche Neuausrichtungen erfordern eine grundlegende Transformation der politischen Ökonomie globaler Klimapolitik. Im Zentrum müssen Entwicklungsgerechtigkeit sowie die aktive Bearbeitung historisch gewachsener Asymmetrien von Verantwortung und Handlungsfähigkeit stehen. Länder des Globalen Südens dürfen nicht länger passive Empfänger extern auferlegter Klimamaßnahmen bleiben. Sie müssen vielmehr als aktive Normsetzer auftreten und Dekarbonisierung als Pfad inklusiven Wachstums mitgestalten — nicht bloß als Compliance-Verpflichtung gegenüber Regulierungsregimen des Nordens.

Odishas industrielle Entwicklung bringt dieses Paradox eindrücklich zum Ausdruck: Der Stahlsektor des Bundesstaates ist zwar kohlenstoffintensiv, besitzt jedoch zugleich enormes Potenzial für eine grüne Transformation — sofern er durch gezielte Klimafinanzierung, geeignete Infrastruktur und kooperative Technologiepartnerschaften unterstützt wird. Odishas mineralischer Reichtum, sein industrielles Ökosystem und seine Basis erneuerbarer Energien machen den Bundesstaat zu einem naheliegenden Ausgangspunkt für eine klimasensible Industrieplanung.

Dieses Potenzial kann sich jedoch nur in einem förderlichen internationalen Kontext entfalten. Instrumente wie der CBAM dürfen nicht als strafende Handelsmechanismen fungieren, sondern müssen als kooperative Werkzeuge globaler Solidarität ausgestaltet werden — mit dem Ziel, Entwicklungsunterschiede zu überbrücken, statt sie zu vertiefen. Obwohl der EU-CBAM als progressiver Schritt in Richtung globaler Dekarbonisierung präsentiert wird, läuft er Gefahr, Ungleichheiten zu verschärfen, wenn er ohne ernsthafte Anerkennung differenzierter Entwicklungsrealitäten umgesetzt wird. Der Fall Odisha verdeutlicht diese breitere Spannung und macht sichtbar, dass der CBAM zugleich Herausforderung und Chance für eine gerechte kohlenstoffarme Transformation ist.

Gleichzeitig gehen die Implikationen des CBAM weit über Odisha und Indien hinaus. Ähnliche strukturelle Barrieren, begrenzter Zugang zu Technologie, fiskalische Einschränkungen und ungleiche handelspolitische Exponiertheit prägen viele Länder des Globalen Südens. Der Fall Odisha dient daher als eine Linse, durch die diese geteilten Dynamiken besser verstanden werden können. Damit leistet er einen Beitrag zu einer wachsenden Forschungsperspektive aus dem Globalen Süden, die kritisch fragt, ob CO₂-Grenzausgleichsmaßnahmen sich von Instrumenten grünen Protektionismus zu Vehikeln grüner Solidarität entwickeln können. Künftige vergleichende Forschung zu Ökonomien des Globalen Südens kann dazu beitragen, gerechtere Rahmenbedingungen für Klimakooperation und Kohlenstoffgovernance zu entwickeln — kontextsensibel, inklusiv und entwicklungsorientiert.

LITERATURVERZEICHNIS

Arif, A. 2025. India vs. EU’s CBAM: Trade Wars & Green Tariffs, SPRF India [online].

Bhatia, D. 2025. The Carbon Border Dilemma: India’s Stand on EU’s Climate Protectionism. STEAR.

CEEW. 2025. A New Economic Transition Framework for Jobs, Growth, and Sustainability in Odisha, Council on Energy, Environment and Water (CEEW) [online].

Goldar, A., Ali, S., Kotal, M., Bhattacharya, P. and Haque, I. 2024. Policy Landscape for Transition Towards Carbon Neutral Steel Sector, Indian Council for Research on International Economic Relations (ICRIER). 

Kathuria, R., Gupta, N. and Kumar, N. 2025. India’s Carbon Border Adjustment Mechanism (CBAM) Challenge: Strategic Response and Policy Options. CSEP.

Marcu, A., Maratou, A., Mehling, M. and Cosbey, A. 2021. The EU Carbon Border Adjustment Mechanism (CBAM) Preliminary Analysis Of The European Commission Proposal For A Regulation Establishing A Carbon Border Adjustment Mechanism, 14 JULY 2021 (COM(2021) 564 FINAL) European Roundtable On Climate Change And Sustainable Transition ERCST -2.

Mcommerce. 2020. Indian Submissions in WTO – Mcommerce.

Perdana, S. and Vielle, M. 2022. Making the EU Carbon Border Adjustment Mechanism acceptable and climate friendly for least developed countries. Energy Policy, 170, p.113245. 

Sen, A., 2024. Green Energy Trade Shift: implications of the new EU CBAM norms. ey.com\insights [Online]

Singh, S., 2025. Green Trade And Anti-Dumping: Enhancing India’s Sustainable Subsidy’s With Eu Cbam And Incentivizing Egs. SSRN.

UNFCCC, 1992. United Nations Framework Convention on Climate Change, s.l.: United Nations.

Suchen