Voices in Transition #5 | Mariam Attalla
Green Hydrogen, Local Voices, and Climate Justice: Why Bottom-Up Governance Matters in Gabès
Die englischsprachige Erstveröffentlichung des Artikels erfolgte am 07. September 2026. Zu dieser geht es hier.
Grüner Wasserstoff, lokale Stimmen und Klimagerechtigkeit: Warum in Gabès Governance von unten entscheidend ist
Zusammenfassung:
Der REPowerEU-Plan der Europäischen Kommission betrachtet Nordafrika als einen zentralen Lieferanten von grünem Wasserstoff, der Europas Dekarbonisierung und Energiesicherheit unterstützen soll. Für nordafrikanische Regierungen eröffnet grüner Wasserstoff zugleich die Möglichkeit, ausländische Investitionen anzuziehen und Devisenreserven aufzubauen. Am Beispiel von Gabès, einem potenziellen Zentrum der grünen Wasserstoffproduktion in Tunesien, untersucht dieser Beitrag, wie diese sich überschneidenden Prioritäten, lokale Anpassungsbedarfe übergehen und bestehende ökologische Ungleichheiten reproduzieren.
Ausgehend von der langjährigen Belastung von Gabès durch die Phosphat- und Düngemittelindustrie zeigt die Analyse, dass die geplante Transformation Gefahr läuft, existierende Ungleichheiten zu reproduzieren. Lokale Entwicklungsprioritäten, ökologische Altlasten und die Beteiligung der betroffenen Bevölkerung werden bislang nur unzureichend berücksichtigt. Die zentrale Herausforderung liegt daher nicht in der technischen Umsetzung grüner Wasserstofftechnologien, sondern in ihrer Governance. Anstatt Übergewinne zu erzeugen, die allein den Anteilseigner*innen großer Industrieunternehmen zugutekommen, sollten eine wirksame Beteiligung der Bevölkerung, der Schutz von Lebensgrundlagen, lokale Teilhabe an den Erträgen sowie Transparenzpflichten für EU-geförderte Wasserstoffprojekte Vorrang haben. Dies würde sowohl die Klimagerechtigkeit als auch die Energiesicherheit stärken.
Biografie der Autorin
Mariam Attalla ist eine ägyptische Ökonomin mit den Schwerpunkten wirtschaftliche Entwicklung, Energieökonomie und Klimawandel. Sie verfügt über Erfahrung in der EU, Nordafrika und Westasien. Ihren Masterabschluss in Wirtschaftspolitik und -analyse erwarb sie an der Universität Paris Nord; zudem hat sie einen Masterabschluss in Entwicklungstheorie und Entwicklungspolitik von der University of the Witwatersrand.
EINLEITUNG
Grüner Wasserstoff gewinnt für die Ziele der EU, Klimaneutralität zu erreichen und ihre Energiesicherheit zu stärken, zunehmend an Bedeutung. Im Rahmen des REPowerEU-Plans strebt die EU an, bis 2030 jährlich 20 Millionen Tonnen erneuerbaren Wasserstoffs zu nutzen; die Hälfte davon soll aus Partnerländern importiert werden. Aufgrund ihrer geografischen Nähe, umfangreicher Solar- und Windressourcen sowie bereits bestehender Energieexportinfrastrukturen werden Länder Nordafrikas gezielt als strategische Lieferanten grünen Wasserstoffs positioniert. Entsprechend haben die Regierungen Ägyptens, Marokkos und Tunesiens ambitionierte Wasserstoffstrategien verabschiedet, darunter Partnerschaften mit europäischen Regierungen und Programme, die von internationalen Finanzinstitutionen unterstützt werden (Buonomenna und Patonia, 2025).
Aus einer Perspektive des Globalen Südens offenbaren diese Partnerschaften jedoch eine Diskrepanz klimapolitischer Prioritäten. Während die Agenda der EU von Emissionsminderung und Energiesicherheit bestimmt wird, stehen nordafrikanische Länder vor einem komplexeren Geflecht von Herausforderungen. Auch sie mit Problemen der Energiesicherheit konfrontiert. Insbesondere Tunesien und Marokko sind von Importen fossiler Energieträger abhängig und volatilen internationalen Energiepreisen ausgesetzt. Gleichzeitig gehören sie zu den Regionen, die bereits jetzt besonders stark von der Klimakrise betroffen sind und vor akuten Anpassungsproblemen stehen.
Nordafrikanische Länder tragen nur marginal zu den globalen Treibhausgasemissionen bei. Dennoch zählen sie zu den am stärksten von der Klimakrise bedrohten Regionen. Wasserknappheit, Dürren und die Degradation von Ökosystemen machen Klimaanpassung zu ihrer dringendsten Herausforderung. Gleichwohl prägt das Streben nationaler Regierungen nach ausländischen Investitionen zunehmend die Energiepolitik und richtet sie auf die europäische Nachfrage aus.
Für nordafrikanische Regierungen, von denen viele in stark zentralisierten politischen Systemen mit begrenzten Möglichkeiten lokaler Beteiligung und Rechenschaftspflicht agieren, erscheint grüner Wasserstoff als Chance, ausländische Investitionen anzuziehen und Deviseneinnahmen zu erzielen. Dies ist besonders relevant für Volkswirtschaften, die unter anhaltenden externen Finanzierungsengpässen und hohen Importrechnungen leiden — auch für Energie und Nahrungsmittel.
Nationale Wasserstoffstrategien können daher Exporterlöse, Investitionen und die Einbindung in entstehende internationale Energiemärkte priorisieren. Der Aufbau exportorientierter Wasserstoffprojekte kann somit eine Konvergenz zwischen Europas Nachfrage nach kohlenstoffarmer Energie und dem Bedarf nationaler Regierungen an Investitionen und Devisen schaffen. Offen bleibt jedoch, ob — und in welchem Ausmaß — die Prioritäten der betroffenen lokalen Gemeinschaften in Projektplanung und nationale Energiestrategien einfließen. Diese Ziele entsprechen nämlich nicht zwangsläufig den Anpassungsbedarfen jener Gemeinschaften, die den Folgen klimatischer und ökologischer Veränderungen am stärksten ausgesetzt sind (Hamouchene und Chavez, 2025).
KLIMAGERECHTIGKEIT AUF DEM SPIEL: POLITISCHE IMPLIKATIONEN VON GRÜNEM WASSERSTOFF IN GABÈS, TUNESIEN
Die Auswahl von Gabès als Pilotstandort der tunesischen Strategie für grünen Wasserstoff, die in Zusammenarbeit mit der GIZ (Deutsche Gesellschaft für Entwicklungszusammenarbeit) entwickelt wurde, verdeutlicht, wie internationale Klimapolitik nationale Entwicklungsprioritäten umformen kann. Gemäß dieser Strategie sollen rund 75 % der prognostizierten nationalen Wasserstoffproduktion — insgesamt 8,3 Millionen Tonnen — nach Europa exportiert werden. Dies steht im Einklang mit dem Ziel der EU im Rahmen des REPowerEU-Plans, durch Importe von erneuerbarem Wasserstoffs den heimischen Energiebedarf abzusichern (Ministry of Industry, Mines, and Energy, 2024).
Diese Ziele werden als Chance für Wirtschaftswachstum und Dekarbonisierung präsentiert. Zugleich lenken sie politische Aufmerksamkeit und finanzielle Ressourcen in eine exportorientierte Klimaschutzpolitik, statt die für nordafrikanische Länder besonders dringlichen Herausforderungen der Klimaanpassung in den Mittelpunkt zu stellen.
Diese Verschiebung ist in einer Region besonders bedeutsam, die zunehmend unter Wasserknappheit, Desertifikation und sinkender landwirtschaftlicher Produktivität leidet. Die Abbildungen 1 und 2 verdeutlichen diese Asymmetrie: Nordafrikanische Länder weisen pro Kopf deutlich niedrigere CO₂-Emissionen auf als europäische Staaten, stehen jedoch teilweise unter erheblichem Druck auf ihre verfügbaren Süßwasserressourcen.

Abbildung 1: CO₂-Emissionen pro Kopf, Quelle: Our World in Data, 2026

Abbildung 2: Süßwasserentnahme im Verhältnis zu den verfügbaren Süßwasserressourcen, Quelle: Our World in Data, 2026
Tunesiens Wasserstoffstrategie konzentriert sich vor allem auf die bestehende Phosphat- und Düngemittelindustrie. Sie zielt darauf ab, einen exportorientierten Industriekomplex zu dekarbonisieren, indem grüner Wasserstoff zur lokalen Herstellung von Ammoniak genutzt wird, der in diese Industrie eingespeist wird. Die seit Langem bestehenden ökologischen und sozialen Auswirkungen dieser Industrie bleiben dabei weitgehend unberücksichtigt (Akrimi 2023). Darüber hinaus soll das Projekt die Machbarkeit der umfassenderen nationalen Wasserstoffstrategie demonstrieren, die langfristig stark exportorientiert ausgerichtet ist.
Zwischen 2025 und 2030 soll das Pilotprojekt ein Photovoltaikkraftwerk mit einer Leistung von 8 MW, eine Meerwasserentsalzungsanlage, einen Elektrolyseur, Wasserstoffspeicher und eine Haber-Bosch-Syntheseanlage integrieren. Damit sollen jährlich etwa 220 Tonnen grüner Wasserstoff und 630 Tonnen grünes Ammoniak produziert werden. Rund 70 % des im Pilotprojekt hergestellten Wasserstoffs sollen zur Produktion von grünem Ammoniak verwendet werden und graues Ammoniak ersetzen, das bislang von der Groupe Chimique Tunisien (GCT), dem staatlichen Unternehmen für Phosphatabbau und -verarbeitung, importiert wird. Der verbleibende Anteil soll gespeichert werden, um eine kontinuierliche Produktion zu ermöglichen. Das Projekt soll die technische und wirtschaftliche Machbarkeit grüner Ammoniakproduktion nachweisen und den ersten Schritt zur Umsetzung der Nationalen Strategie für grünen Wasserstoff Tunesiens darstellen.
Dieser Ansatz senkt zwar die Kohlenstoffintensität der Düngemittelproduktion, lässt jedoch das umfassendere ökologische Erbe der Phosphatindustrie unangetastet. Dazu gehören Meeresverschmutzung, Biodiversitätsverluste, giftige Abfälle, die Erschöpfung von Grundwasser und die Degradation von Ökosystemen. Aus einer Perspektive der Klimagerechtigkeit besteht daher die Gefahr, dass das Projekt eine ökologisch umstrittene Industrie lediglich „grün“ etikettiert, anstatt sie grundlegend zu transformieren.
Die Dekarbonisierung der Phosphatindustrie kann ein Beispiel für eine erfolgreiche technische Umstellung darstellen. Eine solche Transformation beseitigt jedoch nicht automatisch die umfassenderen ökologischen und sozialen Schäden, die durch das zugrundeliegende Industriesystem hervorgebracht werden.
Auch das Governance-Modell, das den nationalen Wasserstoffstrategien der Region und ihrer Umsetzung zugrunde liegt, verstärkt diese Bedenken. Strategische Investitionsentscheidungen werden vor allem zwischen Regierungsinstitutionen, internationalen Finanzinstitutionen und ausländischen Investor*innen verhandelt. Die Beteiligung von Kommunen, zivilgesellschaftlichen Organisationen oder betroffenen Gemeinschaften bleibt dagegen begrenzt. In Kontexten schwacher demokratischer Rechenschaftspflicht erhöht dieser Top-down-Ansatz die Wahrscheinlichkeit, dass Projekte für erneuerbare Energien als extern auferlegt und nicht als lokal getragen wahrgenommen werden (ReCommon, 2026).
Über die Frage prozeduraler Gerechtigkeit hinaus untergräbt der Ausschluss lokaler Gemeinschaften die soziale Legitimität der Transformation. Er erhöht zudem das Risiko von Widerstand, Verzögerungen bei der Umsetzung und zukünftigen Konflikten (Komendantova et al. 2014).
PROJEKTSTANDORTE UND LAND-GOVERNANCE: DER FEHLENDE EINBEZUG LOKALEN WISSENS
Tunesiens Wasserstoffstrategie entsteht in einem politischen Entscheidungsprozess, der vor allem von technischen, finanziellen und logistischen Erwägungen geprägt ist. Standorte für Infrastruktur erneuerbarer Energien werden anhand von Kriterien wie Sonneneinstrahlung, Nähe zu bestehenden Industrieanlagen, Zugang zum Stromnetz und Projektkosten ausgewählt (Ministry of Industry, Mines, and Energy, 2024). Diese Faktoren sind für die Bewertung technischer Machbarkeit zweifellos relevant. Häufig erfassen sie jedoch nicht, wie Land von lokalen Gemeinschaften genutzt, bewertet und sozial eingebettet wird.
Dies zeigt sich besonders deutlich in Gabès. Der Photovoltaikpark, der das Wasserstoffpilotprojekt mit Strom versorgen soll, wird rund 18 Kilometer westlich des GCT-Komplexes in der Nähe der Stadt Oudhref errichtet. Der Standort wurde aufgrund seiner Nähe zum nationalen Stromnetz und seiner Fähigkeit ausgewählt, den Industriekomplex effizient zu versorgen.
Oudhref ist jedoch Teil der umfassenderen Küstenoasenlandschaft von Gabès — einem besonderen agrar-ökologischen Systems, in dem Landwirtschaft historisch durch Süßwasserressourcen ermöglicht wurde. Forschung zur Oase von Gabès belegt ihre Bedeutung als landwirtschaftliche und kulturelle Erbelandschaft. Zugleich verweist sie auf den Druck durch Urbanisierung, Fragmentierung, Aufgabe landwirtschaftlicher Nutzung und Umweltzerstörung, die ihre Ausdehnung schrittweise verringert haben (Lassoued und Rejeb 2016). Historische und lokale Berichte nennen das durch Süßwasserquellen geprägte Oudhref neben Ghannouch und Chenini als ein Gebiet, das besonders wichtig für den Anbau von Datteln, Henna, Obst und Gemüse (Benhammadi, 2026).
Die Behandlung solchen Landes als „verfügbar“ verweist auf ein grundlegendes Governance-Problem. Technische Bewertungen klassifizieren Land häufig nach seiner ingenieurtechnischen Eignung, nicht aber nach seinen ökologischen, sozialen und ökonomischen Funktionen. Lokale Bäuer*innen und Hirt*innen verfügen dagegen über detailliertes Wissen zu Grundwasserverfügbarkeit, Bodenqualität, saisonalen Weidemustern, Biodiversität und traditionellen Wassermanagementsystemen. Diese Wissensformen haben es Gemeinschaften über Jahrhunderte ermöglicht, sich an die fragile Umwelt der Küstenoase anzupassen. In Entscheidungen über Projektstandorte oder Landzuteilungen fließen sie jedoch nur selten ein (Wafa Kharfia, „Interview on Green Hydrogen Project in Gabès“, 13. Juli 2026).
PERSPEKTIVEN AUS GABÈS: HINWEISE AUF EINE UNGERECHTE TRANSFORMATION
Die Reaktionen der Bevölkerung in Gabès zeigen, dass die Kritik an grünem Wasserstoff keine Ablehnung erneuerbarer Energien ist. Vielmehr spiegelt sie ein über Jahrzehnte gewachsenes Misstrauen wider, das aus Umweltzerstörung und dem Ausschluss von Entscheidungen in der Entwicklungspolitik hervorgegangen ist.
Gabès trägt seit Langem die ökologischen Kosten der tunesischen Phosphat- und Düngemittelindustrie. Die industrielle Verschmutzung hat den Golf von Gabès geschädigt, eines der bedeutendsten Küstenökosysteme des Mittelmeers. Landwirtschaftliche Flächen haben durch Bodendegradation, Grundwassererschöpfung und das Eindringen von Salzwasser an Produktivität verloren. Fischer*innen berichten von sinkenden Fangerträgen, Bäuer*innen sehen sich mit zunehmender Wasserknappheit konfrontiert, und viele Bewohner*innen bringen die industrielle Tätigkeit mit einer Verschlechterung der öffentlichen Gesundheit und der Lebensqualität in Verbindung (Ilyes Ben Ammar, „Interview on Green Transition in Tunisia“, 14. Juli 2026).
Vor diesem Hintergrund interpretieren zahlreiche zivilgesellschaftliche Organisationen die Ankündigung von Investitionen in Wasserstoffinfrastruktur nicht als Bruch, sondern als Fortsetzung des bestehenden Entwicklungsmodells. In einer Erklärung vom 16. Mai 2026 verurteilte die Bürgerrechtsbewegung Stop Pollution Gabès den weiteren Betrieb umweltschädlicher Industrieanlagen. Die Bewegung kritisierte zudem die Regierungspläne, diese Anlagen zu sanieren, die Infrastruktur für den Phosphattransport auszubauen und die vorgesehenen Wasserstoff- und Ammoniakprojekte in der Region weiterzuverfolgen.
Nach Auffassung der Bewegung reagieren diese Vorhaben nicht auf die seit Langem bestehenden Forderungen der Bevölkerung, die umweltschädlichen Industrieanlagen zurückzubauen und die der Region auferlegten Umwelt- und Gesundheitsbelastungen zu beseitigen. Die vorgeschlagene Transformation wird deshalb als Projekt wahrgenommen, das europäische Dekarbonisierungsziele bedient, während die bestehenden lokalen Lasten weitgehend unverändert bleiben.
Diese Bedenken wurden während der großen Demonstrationen in Gabès im Jahr 2025 sichtbar. Tausende Bewohner*innen und Umweltaktivist*innen protestierten gegen die geplanten Wasserstoffprojekte. Sie stellten die Frage, weshalb groß angelegte Investitionen in Energieexporte fließen, während lokale Gemeinschaften weiterhin Wasserknappheit, Umweltverschmutzung und unzureichende öffentliche Dienstleistungen erleben.
Tunesische Wissenschaftler*innen und Umweltaktivist*innen äußern weiterhin ähnliche Kritik. Wafa Kharfia, Aktivistin und Regisseurin des Dokumentarfilms “I am a Violator”, der sich mit kleinbäuerlichen Frauen in Tunesien befasst, formuliert es folgendermaßen: „Tunesiens Energiewende sollte zunächst auf nationale und lokale Entwicklungsprioritäten reagieren. Sie muss gewährleisten, dass der heimische Energiebedarf zu erschwinglichen Preisen für lokale Gemeinschaften gedeckt wird, bevor eine exportorientierte Wasserstoffproduktion und die europäischen Energiemärkte verfolgt werden („Interview on Green Hydrogen Project in Gabès“, 13. Juli 2026).“
Vergleichbare Erfahrungen in anderen nordafrikanischen Ländern stützen diese Schlussfolgerung. Die Kontroversen um Marokkos Noor-Solarkomplex und Ägyptens Benban-Solarpark zeigen ebenfalls, dass Projekte für erneuerbare Energien eher öffentliche Akzeptanz finden, wenn sie greifbare lokale Vorteile schaffen, Lebensgrundlagen schützen und Gemeinschaften an Entscheidungsprozessen beteiligen.
Zusammengenommen legen diese Fälle nahe, dass die zentrale Herausforderung der grünen Transformation nicht technische Machbarkeit, sondern ihre Governance ist. Erneuerbare Energien können nur dann zu einer gerechten Transformation beitragen, wenn betroffene Gemeinschaften zu aktiven Partner*innen in ihrer Ausgestaltung werden — und nicht bloß zu Orten, an denen die Transformation stattfindet (Urbasos, 2024).
EUROPÄISCHE ENERGIEPARTNERSCHAFTEN NEU DENKEN: POLITISCHE EMPFEHLUNGEN FÜR EINE GERECHTE TRANSFORMATION
Der Fall Gabès verdeutlicht ein zentrales Paradox der Energiewende: Eine Technologie, die zur Bewältigung der Klimakrise beitragen soll, kann bestehende Ungleichheiten verschärfen, wenn sie innerhalb ungleicher Governance-Strukturen umgesetzt wird. Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob Europa im Bereich grünen Wasserstoffs mit Nordafrika kooperieren sollte, sondern wie diese Partnerschaften gestaltet und demokratisch gesteuert werden. Wenn europäische Dekarbonisierungs- und Energiesicherheitsziele verfolgt werden, ohne lokale Entwicklungsprioritäten ausreichend zu berücksichtigen, besteht die Gefahr, extraktive Muster der Energie- und Rohstoffentwicklung zu reproduzieren.
Die zentrale Herausforderung besteht darin, eine substanzielle Beteiligung der Bevölkerung an der Governance erneuerbarer Energien und grünen Wasserstoffs institutionell zu verankern. Beteiligung kann unterschiedliche Formen annehmen: Konsultationen, Vertretung in Projektsteuerungsgremien, Teilhabe an Erträgen, kommunale Mitwirkung, Genossenschaften, Gemeinschaftsfonds oder — wo angemessen — gemeinschaftliches Eigentum (Dzreke und Dzreke, 2025; Bidwell, 2016).
Eine solche Beteiligung kann die öffentliche Akzeptanz erhöhen sowie Konflikte und Verzögerungen bei der Umsetzung reduzieren (Zoellner et al., 2008). Sie kann landwirtschaftliche und pastorale Lebensgrundlagen schützen und die Projektgestaltung verbessern, indem lokales Wissen zu Land, Wasser, Ökosystemen und saisonaler Ressourcennutzung einbezogen wird (Antunes et al., 2025). Darüber hinaus kann sie demokratische Rechenschaftspflicht und den politischen Handlungsspielraum lokaler Gemeinschaften gegenüber zentralisierten Regierungen und internationalen Investor*innen stärken (Yi, 2026).
Dieser partizipative Ansatz hat auch unmittelbare Folgen für die europäische Energiesicherheit. Die Ersetzung eines externen Energielieferanten durch einen anderen beseitigt Verwundbarkeiten nicht zwangsläufig. Wasserstoffpartnerschaften, die lokale Opposition hervorrufen, Ungleichheiten vertiefen oder von zentralisierter, ausländisch kontrollierter Infrastruktur abhängen, können neue soziale und politische Risiken schaffen — sowohl für Produktions- als auch für Verbraucherländer. Partnerschaften hingegen, die greifbare lokale Vorteile erzeugen und Gemeinschaften einen tatsächlichen Anteil an ihrem Erfolg geben, können ihre Legitimität, Widerstandsfähigkeit und langfristige Verlässlichkeit stärken.
BETEILIGUNG DER BEVÖLKERUNG IN REPowerEU VERANKERN
Die EU könnte dieses Prinzip durch drei konkrete Veränderungen im REPowerEU-Plan integrieren:
- Wirksame Beteiligung der Bevölkerung als Bedingung für EU-Finanzierung: Die Förderfähigkeit für EU-Zuschüsse, Garantien und vergünstigte Finanzierungen von Wasserstoffprojekten sollte einen Nachweis der Beteiligung lokaler Gemeinschaften voraussetzen — von Projektentwurf und Standortwahl bis hin zu Umsetzung und Monitoring. Dies muss eine formelle Vertretung betroffener Akteur*innen in den Steuerungsstrukturen der Projekte einschließen.
- Soziale Auswirkungen und Effekte auf Lebensgrundlagen als Teil der Projektgenehmigung: EU-geförderte Projekte sollten Umwelt- und Sozialprüfungen vorlegen müssen, die Auswirkungen auf Landwirtschaft, Viehzucht, Wasserzugang und andere lokal bedeutsame Formen der Ressourcennutzung ausdrücklich bewerten — zusätzlich zu technischer und finanzieller Machbarkeit. Lokales Wissen sollte verbindlich in Entscheidungen über Standortwahl und Ressourcenallokation einfließen.
- Lokale Teilhabe an Erträgen und Rechenschaftsmechanismen: EU-geförderte Projekte sollten darlegen müssen, wie lokale Gemeinschaften von Investitionen profitieren. Dies kann über kommunale Entwicklungsfonds, kommunale Beteiligung, genossenschaftliches Eigentum, lokale Beschäftigung und Qualifizierung oder andere lokal angemessene Vereinbarungen erfolgen. Finanzierungsvereinbarungen sollten außerdem die Offenlegung von Eigentumsstrukturen, öffentlichen Finanzierungen und Garantien, erwarteten Einnahmen sowie eine Transparenz über die Erzielung ökonomischer Erträge verlangen. Dies ist im Fall von Gabès besonders wichtig, da die öffentlich zugänglichen Informationen eine vollständige Einschätzung der finanziellen Tragfähigkeit des Projekts sowie des Umfangs und der Verteilung seiner erwarteten wirtschaftlichen Gewinne erschweren.
Diese Bedingungen würden der EU ermöglichen, über die bloße Sicherung alternativer Quellen kohlenstoffarmer Energie hinauszugehen und gegenseitig vorteilhafte sowie politisch resiliente Energiepartnerschaften aufzubauen.
Letztlich zeigt der Fall Gabès, dass die Energiewende ebenso sehr eine politische und soziale wie eine technologische Transformation ist (Othmen, 2025; Ammar, 2026). Ob grüner Wasserstoff zu einem Motor nachhaltiger Entwicklung oder zu einer weiteren Form grünen Extraktivismus wird, hängt davon ab, wer Investitionsentscheidungen gestaltet, wer von ihnen profitiert und ob lokale Gemeinschaften als gleichberechtigte Partner*innen der Transformation anerkannt werden.
LITERATURVERZEICHNIS
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